Es ist sehr schwer sich
die Zeit zu nehmen um alles aufzuschreiben was passiert. Wir haben
kaum Zeit, denn ständig passiert etwas neues. Aber mit einer kleinen
Verzögerung wollen wir euch nun doch berichten.

Beim letzten Mal verließen
wir schweren Herzens Atyrau und fuhren in Richtung Ural im Nordwesten
Kasachstans. Die Landschaft änderte sich nicht großartig, aber
wenigstens war die Straße vor kurzem neugebaut worden. Erstaunlich,
das hatten wir nicht erwartet. Auf allen großen Verbindungsstraßen
in Kasachstan wird im Moment gebaut und ebenso entstehen überall
neue Tankstellen, so man selten in die Notsituation kommt seinen
Reservekanister zu benutzen.

Natürlich kamen wir am
ersten Tag nur ca.100km weit bevor es dunkel wurde und wir uns ein
Nachtlager suchten. Was wir fanden war einer der schönsten
Übernachtungsplätze in Kasachstan. Inmitten einer Weide unter
Bäumen und weit weg der Straße und dem Lärm. Wir erreichten
unseren Weideplatz gerade zum Sonnenuntergang. Machten uns gemütlich
in der Dämmerung unser Abendessen und genossen später den klaren
Sternenhimmel.

Unser gemütlicher Platz auf der Weide…Muuuh

Herrlich war es zu sehen,
dass am nächsten Morgen Kamele und Pferde unweit an uns vorbei
zogen. Nach einem gediegenen Frühstück mit Kaffee ging es nach
kurzem Packen, was bei uns immer! ca. 2h in Anspruch nimmt, munter
weiter Richtung Ural (oder Uralsk).

Unterwegs tankten wir
unsere Maschinen an einer eigentlich normalen Tankstelle, was daran
jedoch ungewöhnlich sein sollte, stellten wir ca. 200km später fest
als unser Tank leer war. Denn normalerweise sind wir auf unserer Tour
bisher mindestens 350-400km mit einer Tankfüllung gefahren. Da war
dann wohl etwas Wasser im Tank. Aber man muss ja alles mal mitgemacht
haben. Also frohen Mutes wieder voll getankt und weiter. Nur mein
Motor meinte mit einem Mal komische Geräusche von sich zu geben.
Fatal war dass wir noch ca. 2000km von Astana entfernt waren. Dort
sollten wir eine Yamaha-Werkstatt finden können. Wir fuhren also mit
dem komischen Motorgeräusch weiter ohne dass wir etwas tun konnten.
Der Weg führte uns über zum Teil erstaunlich und unerwartet gute
Straßen bis hin zu absolut mörderischen Landwegen. Aber wie bereits
erwähnt, es wird überall gebaut. Lustig dabei sind immer die
Tankstellen, an denen bereits das Tankpersonal arbeitet jedoch wird
nichts zum Verkauf angeboten und Benzin gibt es auch nicht. Aber an
Alternativen mangelt es nicht.

Ural wurde von uns nur
durchfahren, damit wir unsere Lebensmittelvorräte auffrischen und
etwas Bargeld abholen konnten. Unglücklicherweise waren wir etwas
spät dran und konnten die Stadt gerade noch zum Sonnenuntergang
verlassen, was uns dazu zwang nur ein paar Kilometer entfernt unser
Nachtquartier aufzuschlagen. Etwas abseits der Hauptstraße zwischen
ein paar Bäumen fanden wir, wie wir meinten, ein recht geschütztes
Fleckchen. Beim Abendbrot essen bemerkten wir allerdings wie des
öfteren ein paar Meter von uns entfernt ein paar Autos auf dem
Feldweg entlang fuhren. Beim letzten Mal hörte ich wie zwei
Autotüren geschlossen wurden. Dann…Stille. Wir aßen weiter. Ein
paar Minuten später…ein Knacken im Unterholz. Für ein Tier viel
zu regelmäßig, dachten wir. Jetzt wurde uns recht mulmig. War da
jemand? Und wenn ja, was machte er dort? Durch unsere Taschenlampen
hätte man uns leicht sehen können. Wenn dort also jemand war und
uns gesehen hatte, warum sollte er sich dann im Unterholz verstecken.
Wollte er uns auflauern…? Solche und ähnliche Fragen schossen uns
durch den Kopf. Im Nachhinein völlig unsinnig, aber wir bewaffneten
uns mit dem Drehmomentschlüssel und unseren Taschenlampen und gingen
nachsehen. Nach 15 min. sinnlosem herumstolpern in den Büschen kamen
wir zu der Erkenntnis, dass es nur ein Tier gewesen sein kann.
Puuh…Glück gehabt. Beruhigt gingen wir schlafen.

Den nächsten Tag fuhren
wir bis nach Aktöbe und nahmen uns für eine Nacht mal wieder ein
überteuertes Hotelzimmer. Hier mal ein Tipp an alle Russland und
GUS-Staaten Reisende, besser über Couchsurfing oder ähnliches eine
Bleibe finden, den die Hotels haben meistens einen schlechten
Standard und einen noch mieseren Service. Das einzige Merkmal in dem
sie sich europäischen Hotels angleichen sind die Preise.

Aber zurück zur Stadt,
wir haben nun einmal eine Landkarte auf der grob gesehen die Städte
und die Hauptstraßen eingezeichnet sind. Wenn wir allerdings in eine
Stadt kommen, haben wir keinen Plan wo wir überhaupt hinfahren
müssen. Von Mukuch aus Atyrau haben wir den Tipp bekommen ins Hotel
Aktöbe zu fahren. Sollte recht günstig sein, aber wir haben in
solchen Situationen wohl einen Ausländer-Bonus und müssen
draufzahlen. Dafür bekommen wir jedes Mal einen Wegbegleiter, der
uns den Weg zeigt. Diesmal waren es ein paar neugierige Jugendliche,
die uns in ihrer schwarzen Limousine vorfuhren um uns zum besagten
Hotel zu bringen. Einer von ihnen konnte sogar etwas englisch und
erklärte uns, dass sie in Aktöbe die Mafia waren. Aha ja schon
klar, dachten wir uns. Wir tauschten höflich Telefonnummern aus und
erklärten, dass wir uns später vielleicht melden würden, falls wir
von unserer anstrengenden Fahrt nicht zu müde wären…

Am nächsten Morgen gab es
Frühstück im Hotel und gratis WLAN in der Lobby. Ein Grund warum
wir den halben Tag noch im Hotel verbrachten. Zum späten Nachmittag
fuhren wir dann endlich los ohne den kleinen Gangstern noch einmal
begegnet zu sein. Was auch ein bisschen schade war. Wir fuhren also
weiter und weiter und weiter und…in Kasachstan kann man tagelang
fahren, ohne dass sich die Landschaft großartig verändert. Auf
Dauer ist das ein wenig öde auch wenig die Bilder toll aussehen,
aber ein wenig Abwechslung wäre schon schön. Die dann folgende
Nacht war unsere kälteste bisher, zumindest unter freiem Himmel. Es
waren annähernd 0°C, aber mir den richtigen Sachen kein Problem.
Und wenn man 5 Lagen bei schlafen trägt, ist es wunderbar warm.

Have break…have a Keks!

Unser Höhepunkt am
nächsten Tag war an einer kleinen Dorftankstelle, an welcher eine
Karawane von Autos stand, mindestens 30 an der Zahl und es wurden
beständig mehr. Es waren Saudis auf dem Weg durch Kasachstan. Einige
konnten ein paar Brocken englisch, aber von wo sie kamen, konnten wir
leider nicht herausfinden. Wir tauschten ein paar Tipps über die
kasachischen Straßen aus und ernteten das übliche Schnalzen mit der
Zunge und ein leichtes Kopfschütteln, als wir von unserer Reise
erzählten. Was wir mittlerweile sehr als Kompliment auffassen und
gaben dieses Kompliment gerne zurück als wir uns auf der Karte ihren
Weg nach Saudi-Arabien zeigen ließen.

Eine weitere erstaunliche
Begegnung war mit einem Mini-Bus und einem Mädchen, das sich weit
aus dem fahrenden Busfenster herausgelehnt hatte um mir eine
Musikkassette zu geben. Ich dachte zuerst sie wolle nur ein Foto
machen. Nach dem Kassettenaustausch sah ich sie nur fragend an. Ich
wusste nicht was ich damit anfangen soll und war nur erstaunt über
dieses Geschenk. Bis jetzt hatte ich noch kein Abspielgerät gefunden
um mir die Musik anzuhören. Aber bei der nächstbesten Gelegenheit,
werde ich das tun.

Je weiter wir in den
Norden kamen umso eintöniger wurde die Landschaft, die Straßen
wurden auch nicht besser und um die Sache noch abzurunden machte
Lars` Maschine Zicken. Der Benzinfilter oder der Vergaser waren mal
wieder verschmutzt. Also angehalten und in den windgeschützten
Graben gerollt. Nach 2h Motorrad auseinander nehmen und wieder
zusammensetzen haben den Fehler nicht wirklich gefunden, aber die
Maschine lief erst einmal wieder. Meine Yamaha machte natürlich
immer noch komische Geräusche, aber unsere Versuche den Fehler
selbst zu lokalisieren schlugen fehl und wir beschlossen sobald wir in
Astana ankommen, würden wir die Werkstatt aufsuchen. Zur Belohnung
fanden wir einen wirklich schönen Schlafplatz versteckt zwischen
Bäumen auf einem Feld.

Köstanaj war der nächst
größere Ort. Da wir aber keine Lust mehr hatten auf schlechte und
überteuerte Hotels, diente uns der Ort ebenfalls nur zu Auffrischung
unserer Vorräte und wir suchten uns kurz dahinter einen Schlafplatz.
Das nächste Problem kam den Tag darauf. Wir hatten zwar wie gesagt
ein Karte, jedoch taugte die nicht allzu viel. Die Karte war 2 Jahre
alt und konnte uns nicht den richtigen Weg nach Astana zeigen.
Ausgeschildert war eine Straße, die uns sehr nach
Hauptverkehrsstraße aussah. Wir fuhren diese Straße ca. 300km in
die richtige Richtung um in der absoluten Pampa zu enden. Die
wunderbare Asphaltstraße gabelte sich in einer kleinen Ortschaft in
2 Kieswege. Wir wählten, die uns angemessene Richtung. Wird schon
irgendwie stimmen, dachten wir. Auf der Karte sieht es ja auch nicht
soweit aus. Nun muss man wissen, dass wenn es in Kasachstan schlechte
Straßen gibt, einfach neben der Straße gefahren wird. Auf dem Feld
nebenan wird quasi einen neue Straße eingefahren, die wir vielleicht
hätten nutzen sollen. Denn lediglich eine Menge LKWs nutzten den
Kiesweg.

Nach ca. 3km auf der Straße und ständigem Gegenverkehr so
dass einem die Sicht durch den aufgewirbelten Staub genommen wird,
verlor plötzlich Lars die Kontrolle über seine Maschine und
rutschte seitlich im tiefen Kies weg. Bei dem Versuch die Kontrolle
zurückzugewinnen und die Maschine sanft anzuhalten, fiel sie zur
rechten Seite und riss die Alubox sowie die vordere Verkleidung weg.
Ich beobachtete nur die Wolke im Rückspiegel aus der Lars nicht
herauszukommen schien und mir wurde noch bei seinem Funkspruch klar,
dass etwas nicht stimmte. Zum Glück blieb es bei den äußeren
Beschädigungen der Ténéré, die wir nach ein paar Stunden mit
Panzertape wieder ausbesserten. Lars ist nichts passiert, nicht einen
Kratzer! Das sollte uns eine Lehre sein. Dennoch waren wir erstaunt
über die Hilfsbereitschaft einiger LKW-Fahrer. Der erste am
Unfallort hielt sofort an und half die Maschine wieder aufzurichten.
Am schlimmsten beschädigt war die rechte Alubox, sie war total aus
der Form gebracht (siehe Fotos). Aber mit einem Stein als ältestes
Werkzeug des Menschen lassen sich viele Dinge wieder in Form bringen.
Lars hämmerte also ca. 2h auf die Box ein und mit ein bisschen
Panzertape sah sie wieder aus wie…naja wie eine Box. Aber jetzt
hatte das Motorrad an Charakter gewonnen.

Vor der Behandlung mit dem Stein und nach der Bekannschaft mit der Straße.

Mit den paar
Beschädigungen und zittrigen Knien ging es die Straße weiter,
obwohl wir wussten, dass es nicht der Highway war den wir suchten.
Natürlich fuhren wir jetzt auch auf der neuen Straße neben der
Straße. Vorbei an einsamen Gegenden, verlassenen Dörfern, alten
Sowjetfabriken und Geisterstädten, die doch keine waren. Wir
schienen im Herzen Kasachstans irgendwo im Nirgendwo gestrandet zu sein. Zum
ersten Mal auf unserer Reise war die Karte und unser GPS völlig
nutzlos und wir nahmen den Kompass zur Hilfe. Die Entfernungen haben
wir gewaltig unterschätzt. Wir fuhren einige hundert Kilometer den
Rest des Tages und den kompletten nächsten Tag in die von uns
geglaubte richtige Richtung. Und tatsächlich nach 2 Tagen des
Umherirrens fanden wir einige Wegweiser (scheinbar auch noch aus
Sowjetzeiten), die uns in die richtige Richtung führten.

Wir wollten nur noch in
Astana ankommen und fuhren auf dem zweit schnellsten Wege über
Köksetau, das uns als die Schweiz Kasachstans empfohlen wurde. Wir
haben die Ecke wohl verfehlt, denn hier sah alles genau so aus wie in
den vorangegangenen Orten. Von Köksetau nach Astana erlebten wir
allerdings wieder ein Überraschung. Die beiden Städte sind seit
kurzem mit der neuesten Autobahn Kasachstans verbunden mit z.T. 4
Spuren in beide Richtungen und freier Geschwindigkeit (zumindest wenn
man schneller als 200 km/h fährt, wird man eh nicht mehr angehalten,
wie soll da noch ein Polizei-Lada hinterherkommen?).

Im Nu waren wir in Astana,
nur leider mal wieder im Halb-Dunkeln. Nach unserem bekannten Muster
versuchten wir erst einmal eine Bleibe zu finden. Das gelang uns auch
nach einigen Fehlgriffen. Zum Beispiel in einem recht teurem Hotel,
was ich nicht wusste, daher mein Versuch den Preis und Verfügbarkeit
herauszufinden. Nach 4-5 Tagen in der Wildnis und auf dem Bike sieht
man allerdings nicht mehr ganz so frisch aus. Die Rezeptionistin
jedenfalls war recht schockiert, auch darüber dass sie Englisch
stammeln musste. Allerdings bekam sie nicht mehr heraus als: „Sorry,
we are full.“ Naja dann halt nicht. Also weiter gesucht und
gefunden. Wir bekamen ein Spezialpreis beim nächsten Hotel dem
Astana Park Inn, da der Rezeptionschef sich für Motorräder
interessierte und gleich ein Foto von sich auf Lars` Maschine machte.
Gepäck abgebaut und erst einmal wieder zivilisiert mit einer Dusche
und frischen Sachen. Durch doch recht teuren Preis blieben wir nur
eine Nacht und regelten gleich den nächsten Tag. Wir riefen bei
unseren Freunden in Atyrau an und diese organisierten uns ein
Abholtaxi von der lokalen Yamahawerkstatt am nächsten Tag. Unser
Hotel sei noch soweit erwähnt, dass wir am nächsten Tag beim
Frühstück (welches inklusive war) noch eine Überraschung erlebten.
Es gab kein Büffet, sondern wir mussten bestellen was wir gerne
möchten.
Nun fragten wir in gebrochenem Russisch nach, was es so gäbe. Brot,
Omelett, Kaffee etc. alles prima, dazu bestellten wir noch jeder einen
Oragangensaft. Ein gediegenes Frühstück, schönes Wetter und der Tag
schon halb durchgeplant. Was kann da noch schiefgehen!?

Ja…so sollte man gar
nicht erst denken. Beim auschecken sollten wir dann den Oragangensaft
bezahlen, da er nicht beim Frühstück inkl. war. Aha…und wo steht
das? fragten wir. Keine Antwort darauf und auch nicht warum niemand
darauf hinweist was beim Frühstück inklusive ist. Nach einer halben
Stunde Diskussion (es konnte ein Angestellter ein wenig Englisch) war
es uns erlaubt das Hotel zu verlassen ohne den Saft bezahlen zu
müssen…sehr gnädig. Touristen sind halt eine Seltenheit in Almaty
und die Geschäftsleute, die hier gastieren zahlen jeden Preis, da
meistens die Firmen auch alles bezahlen. Nun ja das war dann wieder
eine Hotelerfahrung mehr. Wir sollten das in Zukunft mehr
einschränken. Was wir weiter in Astana erlebt haben, erzählen wir
euch beim nächsten Mal!

Unser Mann von der Werkstatt.

Bis dahin is durchhalten
angesagt bei uns. Es ist verdammt kalt geworden. Aber keine Sorge wir werden alles aufschreiben
und vergessen nichts.

Ларс и Пьер