Beim letzten Mal haben wir euch berichtet, wie wir
unser Hotel verließen und von einem Yamaha-Mitarbeiter in eine
Werkstatt gebracht wurden. Besagte Werkstatt wurde uns schon von
unserem Feund Artur aus Atyrau nur mit Vorsicht empfohlen, da die
Mechaniker nicht viel Erfahrung haben. Leider blieb uns nichts
anderes übrig, denn mein Motor hörte sich wirklich nicht gut an und
wir mussten in die Werkstatt. Nachdem wir angekommen waren
versammelten sich erst einmal alle um unsere Bikes, die jetzt in der
Garage standen. Es wurde viel gefachsimpelt und diskutiert und
nachdem klar war, dass es etwas ernsteres sein könnte, wurde uns
vorgeschlagen den Motor auseinander zu nehmen, um der Sache auf den
Grund zu gehen. Artyom, unser Mann von der Werkstatt war auch so
hilfsbereit uns ein Apartment für die Zeit zu besorgen, die wir noch
in Astana verbringen mussten. Die Reparatur sollte nämlich eine
Weile dauern.

Zum Abend hin konnten wir unser neues zu Hause
beziehen. Die Vermieterin war eine Frau mit deutschen Vorfahren,
konnte allerdings kein deutsch und war so misstrauisch, dass sie
jeden Tag die Miete haben wollte. Wir wussten zudem auch nicht wie
lange wir bleiben wollten oder mussten. Aber um unseren Einstand zu
feiern in der ersten eigenen Wohnung in Kasachstan, gingen wir
Pelmeni einkaufen und kochten sie später in unserer Küche. Ein
leckeres Abendessen!

Eine gemütliche Küche zum Schmausen

Ansonsten ist Astana nicht allzu sehr erwähnenswert.
Die Stadt wurde 1997 von der Regierung als Hauptstadt erwählt und
wird nun künstlich hochgezogen mit neuen Regierungsbauten und
Hochhäusern um den Norden Kasachstans mehr zu entwickeln. Es gibt
hier nicht viele Touristen fast nur Geschäftsleute, deshalb ist der
Lebensstandard in der Stadt sehr teuer.

Der Blick auf das Weiße Haus.

Der eigentliche Grund Astana zu besuchen lag in der
Begegnung mit einem Kasachen in Atyrau, der uns davon abriet die
Südroute zum Aralsee zu nehmen, welche durch die Grenze zu
Usbekistan für Ausländer recht gefährlich sein soll. Nun ja, so
etwas hatten wir schon öfter auch über andere Gegenden gehört und
je öfter wir so etwas hören umso weniger glauben wir es und deshalb
bereuten wir es schon ein wenig über den doch recht eintönigen
Norden gefahren zu sein. Aber sein zweites Argument überzeugte uns
letztendlich. Auf der Südroute liegt der alte sowjetische
Weltraumbahnhof Baikonur auf dem Weg, welcher militärisches
Sperrgebiet war und das die Einrichtung auch heute noch von den
Russen für Raketenstarts genutzt wird, kann es passieren, dass
dieses Gebiet weiträumig für mehrere Tage einfach gesperrt wird und
wir würden dann festsitzen. Daher nahmen wir die Nordroute.

Nordroute durch Kasachstan

Als wir dann abends in unserem Apartment in Astana
saßen und ich mich kulturell durch ein fremdes Fernsehprogramm
beabsichtigte weiterzubilden, blieb ich auf einem bestimmten Sender
hängen. Links oben in der Ecke stand „live“ und ich musste laut
loslachen. Lars kam dazu und wir konnten live mit ansehen wie gerade
in diesem Moment die Russen in Baikonur einen Satelliten ins All
schickten. Genau zu dieser Zeit hätten wir also auch dort
festgesessen, nur eben im Süden. Das zeigte uns mal wieder, dass wir
irgendwie doch alles richtig angehen.

Am nächsten Tag hofften wir auf gute Neuigkeiten in
Bezug auf mein Motorrad. Was uns erzählt wurde kam dann aber eher
unseren schlimmsten Befürchtungen gleich. Der Ölstand war auf ein
zu niedriges Level gesunken und somit hatte der Kolben durch die
Reibung einen immensen Schaden angerichtet. Ob das repariert werden
konnte und die nötigen Teile aufzutreiben waren, war zu diesem
Zeitpunkt noch unklar. Uns wurde bewusst, dass dies schon das
vorzeitige Ende unserer Reise bedeuten könnte.

Wenn das mal wieder zusammenpasst?

Verdammtes Öl, dass wir daran nicht schon früher
gedacht hatten. Wir fühlten uns wie die absoluten Anfänger. Aber
wir lernen ja aus unseren Fehlern und machten uns gleich daran mit
den Leuten aus der Werkstatt eine Lösung zu finden. Artyom versprach
uns sein Bestes zu tun und alle Möglichkeiten abzuwägen.

Wir nahmen uns den Rest des Tages Zeit die Stadt noch
ein wenig näher zu erkunden. Nur leider ist Astana nicht auf
Fußgänger ausgerichtet, was Lars auch schmerzlich zu spüren bekam
als er kurzerhand neben mir fast in einem Gulli verschwand. Der
Deckel war nur aufgelegt und schwang beim darauf treten beiseite. Mit
einer leichten Prellung und dem Schrecken, verfluchten wir beide
diese Stadt, die uns bisher nur Kummer bereitete.

Das Wahrzeichen Astanas

Am Abend kamen wieder bessere Nachrichten. Artyom
berichtete uns, das Teil welches ausgetauscht werden müsse, kann aus
Almaty bestellt werden und wäre am nächsten Tag noch vor Ort. Nur
hätten wir keine Garantie ob nach dem Einbau auch alles
funktioniert. Wir mussten es wagen. Wir gaben unser OK und bekamen
am selben Tag einen Kostenvoranschlag, handgezeichnet! Die Kosten
möchte ich später erst erwähnen, denn ich musste schon zweimal
hinsehen um sicher zu gehen, dass das US-Dollar waren und keine
kasachischen Tenge. Also gut sollen sie die Maschine reparieren.

Den Kolben hats zerissen!

Die Reparatur sollte nur noch ein paar Tage
andauern, da die unwissenden Mechaniker keine Ahnung hatten und den
Motor komplett ausbauen mussten. Dieser wurde dann an die technische
Universität gebracht, wo ein bekannter Professor um Hilfe gebeten
wurde. Trotzdem dauerte es noch ein Weile. In der Zwischenzeit
machten wir über eine Webseite namens Couchsurfing.com Bekanntschaft
mit einer Kasachin Namens Alya, die uns ein wenig die Stadt zeigte.
Die besagte Webseite ist eine wirklich tolle Möglichkeit um Leute
vor Ort kennen zu lernen, die einen die Stadt zeigen wollen oder
sogar einen Platz zum schlafen anbieten. Auf unserer weiteren Reise
haben wir die Seite noch oft genutzt um Leute kennen zu lernen und
einen Schlaflatz zu finden.

Nachdem nun das Problem gefunden und behoben war,
konnten wir endlich weiterfahren. Ich war nach meiner ersten
Testfahrt nicht ganz zufrieden, da ich das Geräusch oder zumindest
ein ähnliches noch immer hören konnte. Jedoch drängte uns die Zeit
weiter zu fahren.

Ein kritischer Blick und dann aber ab.

Am 1. Oktober mal wieder zum späten Nachmittag
fuhren wir aus Astana los in Richtung Balkashsee und Almaty.
Natürlich kamen wir nach dem späten Aufbruch nur ein paar hundert
Kilometer weit und campierten zwischen einer Baumreihe (quasi ein
paar verkrüppelte Bäumchen) unweit der Straße.

Am nächsten Morgen sputeten wir uns für unsere
nächste Etappe. Unser Tagesziel sollte ein schöner Platz zum Campen
am Ufer des Balkashsees werden. Das Hindernis war nur unsere
Entfernung zum See. Wir fuhren den ganzen Tag, durchquerten einige
Ortschaft, deren Namen wir kaum im Gedächtnis behielten und manchmal
nur schwerlich den Weg hindurch fanden. Das hieß in dem Falle
umkehren und nach dem Weg fragen. Solche Aktionen, das Tanken und die
vielen Pausen ließen den Tag wie im Fluge vergehen. Und es waren
noch einige Kilometer bis zum See, als uns die Dämmerung einholte.
Kurz vor Balkash, dem ersten Ort am See mussten wir nochmals tanken
und konnten den Sonnenuntergang aus unserer Fahrtrichtung beobachten.
Er war wunderschön, doch betrachteten wir ihn mit gemischten
Gefühlen. Denn nun galt es wieder einmal einen Schlafplatz im
Dunkeln zu finden.

Mitten in der Dämmerung Kasachstans

Ungefähr 100 Kilometer weiter und in der Finsternis,
die ein wenig vom halb vollem Mond erhellt wurde, pflügten wir uns
durch die Landschaft. Noch immer auf der Hauptstraße, sahen wir den
See einfach nicht, obwohl ich das Wasser bereits riechen konnte. Wir
nahmen die nächstbeste Abzweigung in Richtung See. Die Straße war
äußerst schlecht und wir durchquerten ein halb verlassenes und
verfallenes Dorf. Wieder so ein gruseliger Ort, dachte ich. Kurz
hinter dem Dorf, war Endstation. Wir standen vor einer alten
Militäreinrichtung, zumindest sah es so aus. Aber sie schien noch
nicht ganz verlassen zu sein. Wir sahen ein paar Lichter und von
überall her kam Hundegebell, wahrscheinlich durch unser
Motorgeräusch ausgelöst. Denn in allen Dörfern und Städten wurde
wir von Hunden verfolgt, sobald sie uns nur hörten. Jedenfalls
drehten wir um und durchfuhren abermals das in der Nacht so
unheimlich scheinende Dorf. Kurz dahinter nahmen wir einen
unscheinbaren Weg quer übers Feld. Der See lag immer spürbarer in
der Luft und wir konnten ihn in der Ferne sehen, dachten wir
zumindest. Wir fuhren über ein unbefestigtes Feld, aber der Boden
war noch befahrbar. Bis wir an ein umgepflügtes Stück angelangten.
Das war der Punkt als wir unser Ziel direkt am Ufer zu übernachten
aufgaben. Wir bauten unser Zelt auf und machten uns unser verdientes
Abendmal, Reis mit Fleischsoße. In der Ferne sahen wir den See
schimmern und der Wind hauchte uns die Seeluft in die Lungen. Wir
gingen zufrieden schlafen.

Ein Schlafplatz mit Seeblick

Die Aussicht am nächsten Morgen überraschte uns,
und wir mussten erst einmal laut lachen. Wir hatten unser Zelt nur
ca. 50 Meter vom See entfernt aufgebaut und nun standen wir da mitten
im Salatfeld. Leider ließ uns der Wind kaum Zeit für ein gediegenes
Frühstück. Wir beeilten uns ein wenig mit dem zusammenpacken. In
der Zwischenzeit bekamen wir noch Besuch vom Bauern auf dessen Feld
wir übernachtet hatten. Erst recht vorsichtig, welchen
ungewöhnlichen Besuch er doch hatte, so wurde er sehr freundlich als
er hörte, dass wir aus Deutschland waren. Er erzählte uns, dass er
einen Brieffreund in Deutschland hat und konnte dadurch auch ein paar
Brocken deutsch. Dann wünschte er uns noch eine gute Reise und wir
machten uns vom Acker.

Unser nächstes Etappenziel war Almaty. Innerhalb des
Tages wollten wir die ehemalige Hauptstadt erreichen. Wir hatten auch
schon jemanden der uns erwartete. Über Couchsurfing hatten wir
jemanden gefunden, der uns später nicht nur einmal aus der Patsche
helfen sollte. Wir hatten also aus unseren Fehlern gelernt, ohne Plan
in eine große Stadt zu kommen. Aber der Weg ist weit und der Tag ist
kurz. Wenn nur mal alles gut geht…

Wir wollten jedoch unbedingt einen Stopp am See
machen. Wir hatten gehört, dass sich der See in einen Teil mit
Salzwasser und einen Teil mit Süßwasser trennt. Dem wollten wir
nachgehen. Das gestaltete sich schwieriger als gedacht. Wir fanden
nur schwer einen direkten Zugang zum See. Es gibt auch kaum
Vegetation um den See herum, es gibt keine Bäume nur wenige
Sträucher und der Wind ist unerbittlich. Auch wenn die Sonne schien,
war es auf der Straße äußerst kalt. Wir nahmen an, dass der Teil
des Sees, den wir entlang fuhren Salzwasser enthalten müsste
aufgrund der mickrigen Vegetation. Weit gefehlt! Es war Süßwasser.

Der steinige Badestrand

Um an das Ufer heranzukommen, fuhren wir ein
unbefestigtes Stück Weg entlang an einem Hof vorbei, der einer
Schrotthalde glich. Kurz nachdem wir das Wasser erreicht und den
Salzgehalt und die Temperatur überprüft hatten, war klar wir müssen
unbedingt baden gehen. Auch wenn das Wasser gefühlte 5°C warm war,
immerhin war es der 3.Oktober und Feiertag, also Zeit sich mal was zu
gönnen. Der Strand war gut windgeschützt, so konnten wir ein wenig
Sonne tanken und das Wasser schien dadurch auch erstmal nicht mehr
allzu kalt.

Doch plötzlich bekamen wir Besuch. Polizeikontrolle!
Wahrscheinlich hatten die Bewohner der Schrotthalde Angst bekommen
als wir vorbei fuhren und dachten wir würden was anstellen z.B.
baden gehen oder so!? Jedenfalls konnten wir ihnen erklären woher
wir kamen, wohin wir wollten und das wir ja eigentlich nur Touristen
sind. Und schon wenn man erwähnt, dass man aus Deutschland kommt,
wird einem fast überall ein Lächeln entgegnet. Uns so schenkten uns
die Beamten als Freundschaftsbeweis einen Trockenfisch und machten
sich wieder auf und davon. Jetzt konnten wir in Ruhe schwimmen gehen.
Also, wir rannten ganz schnell rein und ganz schnell wieder
raus…brrr. Das war vielleicht kalt, aber wenn wir wüssten was uns
auf unserer Reise an Kälte noch bevorstehen würde.

Das schmeckt aber lecker!

Den Rest des Reisetages verbrachten wir auf der
Straße mit Almaty als Ziel. Wir hatten ja bereits eine mögliche
Unterkunft über Couchsurfing gefunden und unsere Gastgeberin
erwartete uns zum Abend. Wir versuchten also konstant durch zu
fahren. Die Landschaft änderte sich nicht viel. Ab und an tauchte
der See zur linken Seite auf und ein paar kleinere Ortschaften, die
wir durchquerten. Immer dieselbe kahle Landschaft, keine Bäume, kein
grün, nur die Straße und die Steppe. Die Sonne, die nicht wärmt
und der eiskalte Wind, der uns auf den Motorrädern permanent von der
Seite angriff.

Nun aber weiter, sonst kommen wir nie an!

Die Dämmerung stand bald wieder bevor und wir hatten
noch mindestens 200km bis Almaty. Das hieß dann wieder Nachtfahren,
das wurde langsam zu Gewohnheit. Dann plötzlich tauchten am Horizont
zum Abendrot mit einem Mal dunkle Wolken auf, und uns beschlich das
Gefühl wir könnten heute unsere erste Regenfahrt bekommen. Jedoch
ist das Glück mit den Reisenden und in unserer Richtung spalteten
sich die Wolken und machten Platz für einen trockenen Weg nach
Almaty. Die Nacht war jedoch stockfinster und wir sahen fast nichts.
So auch einige Traktoren, die am Straßenrand entlang fuhren, zum
Teil sogar mit Pflug oder die Kühe, die uns im vorbeiknattern nur
verständnislos wie erschrocken anstarrten.

Almaty war schon auf dutzende Kilometer Entfernung zu
sehen. Die Stadt erleuchtete den Nachthimmel. Zivilisation! Nur waren
wir längst noch nicht angekommen. Zivilisation heißt im
Straßenverkehr erst einmal Stau! Oder auch chaotischer Verkehr und
jeder zweite Autofahrer fuhr immer dicht auf, um uns zu fragen woher
wir denn seien. Das macht vielleicht die ersten 10 Minuten noch Spaß,
aber wir mussten uns erstmal 2 Stunden durch den Stadtverkehr quälen
um im Zentrum keinen Plan zu haben wo wir sind. Wir hatten zwar eine
Adresse, nur was es uns nicht geglückt einen Stadtplan zu finden.
Den bekamen wir nach zahllosen Versuchen in einem 4* Hotel. Dann
engagierten wir einen Taxifahrer uns zur besagten Adresse zu fahren,
natürlich zu einem überzogenem Preis. Dann waren wir endlich
angekommen. Wir wurden von der Schwester und dem Schwager unser
Couchsurferin von der Straße geholt, konnten unsere Maschinen auf
einem bewachten Parkplatz stehen lassen und bekamen sofort ein
Abendmal. Wir waren sehr erschöpft vom Tag, aber freuten uns riesig
über die Gastfreundschaft und waren gleichermaßen erstaunt darüber.
Nach einem schönen Abend in gemütlicher Runde mit der Schwester und
ihrem Mann gingen wir zu Bett. Unsere Gastgeberin mit dem Namen
Ksenja, war leider an dem Abend nicht mehr zu Hause und wir lernten
sie erst am nächsten Tag kennen.

Ein große Überraschung kommt selten allein.

Der nächste Morgen war wohl einer der
beeindruckendsten, den wir in Kasachstan erlebt hatten. Denn durch
unsere Nachtfahrt hatten wir nicht viel sehen können und wussten
eigentlich kaum, wie es um uns herum aussah. Durch das Fenster in
unserem Zimmer im obersten Stock sahen wir nach einer mehrwöchigen
Abstinenz an Vegetation und landschaftlicher Vielfalt, majestätische
schneebedeckte Bergspitzen, eine ganze Bergkette reihte sich vor
unseren Augen auf. Da sind wohl diese schönen Wow-Momente, die in
Erinnerung bleiben.

Was wir die nächsten 2 Wochen in Almaty erlebten,
könnt ihr im nächsten Eintrag lesen, der diesmal bestimmt nicht
solange auf sich warten lässt. Versprochen!

Bis dahin!

Eurer Lars & Pierre